Management meets „Elternschule“: Warum die Pädagogik Macht und Führung braucht
Erziehung – und Führung – gelingen nur, wenn die zuständigen Erziehungsberechtigten bzw. Führungskräfte das Basis-Motiv Macht intensiv reflektieren

Management meets „Elternschule“: Warum die Pädagogik Macht und Führung braucht

Sind Sie Eltern? Dann haben Sie vielleicht den Film „Elternschule“ gesehen oder zumindest von ihm gehört oder gelesen. Nicht zuletzt die Süddeutsche Zeitung bewirbt den Film mit „Für jeden, der selbst Kinder hat, ist der Film ein Muss“. Na, dann – muss der Film ja gehaltvoll sein. Wirklich? Wir haben uns ein eigenes Bild gemacht …

Müssen wir uns schämen?

Die Kino-Dokumentation „Elternschule“ zeigt, wie eine Gelsenkirchener Kinder- und Jugendklinik die ihnen anvertrauten Kinder dazu bringt, zu essen, zu schlafen, nicht permanent herumzuschreien oder auszurasten.

Die pädagogische Fachwelt verurteilt den Film fast reflexartig und zeigt darin eine große Wut. „In Krippen und Kitas wird dieser Umgang mit Kindern wegen Kindeswohlgefährdung angezeigt“, sagt die Pädagogin Sylvia Zöller. Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Wissenschaftler, beendet seinen Blogbeitrag zum Film mit folgenden Worten: „Schämen sollten wir uns dafür, dass dieser Film in unserer Gesellschaft nicht mehr Widerspruch bekommt. Schämen sollten wir uns, dass wir ‚das Geheimnis der guten Erziehung‘ wieder in Härte und bedingungsloser Unterwerfung suchen. Schämen sollten wir uns, dass DAS die Hilfe ist, die wir den in Not geratenen Familien anbieten.“

Es mag sein, dass der Film guten pädagogischen Fachstandards und vielleicht auch kinderpsychiatrischen Kriterien nicht genügt. Was im Diskurs über den Film jedoch völlig unter den Tisch fällt, ist die Perspektive der Personal- und Persönlichkeitsentwicklung.

Wir sollten uns schämen? Auf keinen Fall, sagen wir. Warum? Nicht zuletzt, weil wir in einem freiheitlichen Land leben, in dem ein solcher Diskurs geführt werden darf und muss. Wir sollten uns aber auch deshalb nicht schämen, weil die Vermittlung von Scham- und Schuldgefühlen nicht zu Erkenntnis führt, sondern uns höchstens kleinmacht und kleinhält. Genau das ist es, was wir in der Pädagogik und insbesondere in deren viel zu schwachen Fachwelt und Lobby nicht gebrauchen können. Was die heftigen Reaktionen aus der pädagogischen Fachszene auf diesen Film überaus deutlich zeigen: Das Thema Führung und Macht steht als kollektiv ungelöstes Thema im Raum. Das beobachten wir auch in unserer beratenden Tätigkeit immer wieder, gerade in der Personalentwicklung von pädagogischen Fachkräften. Einer der unbewussten Glaubenssätze dabei: Macht ist böse, schäm dich.

Grundtenor: Macht ist schlecht – Beziehung ist gut

Macht ist nach unserem Verständnis ein Basis-Motiv, das in Spannung zum Basis-Motiv Bindung bzw. Anschluss steht. Macht zählt mit Anschluss zu den sozialen Grundbedürfnissen eines Menschen. Wenn ich mir meiner Macht als Mensch nicht bewusst bin, dann kann ich nichts durchsetzen und damit erreichen. Ich verliere mich dann leicht in der Gemeinschaft und in Beziehungen.

Gerade als Pädagoge, Eltern und ganz besonders als Leitungs- und Führungskraft muss ich mir meiner Machtposition jedoch bewusst sein. Pädagogen und Eltern stehen immer in einem asymmetrischen Machtverhältnis zu Kindern – genauso wie Führungskräfte zu MitarbeiterInnen. Das bringen die Rollen mit sich.

Ein Grund, warum Macht wahrscheinlich häufig verteufelt wird, ist der immer wieder erlebte Machtmissbrauch, der in unserer Gesellschaft ein kollektives und wahrscheinlich auch historisches Grundproblem darstellt. Habe ich die Macht, dann kann ich meinen Mitmenschen ein weiteres Basis-Motiv entziehen: die Sicherheit. Nichts anderes passiert, wenn Kinder von Eltern oder Pädagogen Drohungen hören („Wenn du deine Schuhe nicht weg räumst, dann darfst du deine Lieblingsserien nicht anschauen“). Gleiches kann man aber auch aus Führungsetagen von Unternehmen hören, wenn suggeriert wird, die ergriffenen, unangenehmen Maßnahmen seien alternativlos, um Arbeitsplätze zu sichern.

Diese Form des Machtmissbrauchs hat in unserer Gesellschaft, aber insbesondere in der Pädagogik, eine besonders lange und tiefgehende Historie. Eine der schlimmsten Ausdrucksformen fand sich noch vor gar nicht so langer Zeit in der Körperzüchtigung wider. Vielleicht ist das eine Erklärung, warum das Pendel zwischen Macht und Bindung häufig zugunsten der Bindung, oft auch als „Gemeinschaft“ etikettiert, ausschlägt. Eine gesunde Balance wäre wünschenswert.

Was das Basis-Motiv Macht als Lebenskraft bedeutet

Um die Lebenskraft des Basis-Motivs Macht zu entschlüsseln, müssen wir unsere unterschiedlichen emotionalen Erfahrungswelten als Mensch verstehen lernen:

  • Als unregulierte positive Emotion zeigt sich Macht, wenn wir anderen helfen und sie begeistern. Der machtvolle Mensch zeigt sich dann verständnisvoll. Er steht anderen mit seinem Rat und seinem Wissen zur Seite. Wird diese positive Emotion zielgerichtet eingesetzt, so zeigt sich Macht als gestaltende Kraft, als verantwortungsbewusste, durchsetzungsstarke Führung.
  • Als unregulierte negative Emotion offenbart sich das Basis-Motiv Macht durch das ohnmächtige Gefühl, keinen Einfluss zu haben, nicht mitbestimmen zu können, sich mit seinen Interessen nicht durchsetzen zu können. Diese Ohnmacht zeigt sich dann durch Kampf oder Rückzug. Um die negative Emotion in eine integrierende Lebenskraft zu transformieren, ist es notwendig, sich zu öffnen. Konkret heißt das: die Sichtweise der Mitmenschen einzubinden, denen ich mich ohnmächtig ausgeliefert fühle.

Es ist klar, dass die Handhabung der negativen Emotion wesentlich herausfordernder ist als die der positiven Emotion: Der Mensch soll sich öffnen, obwohl er sich ohnmächtig fühlt. Aufgrund der eigenen Erziehung und der gemachten (Machtmissbrauchs-)Erfahrungen erscheint das für die meisten Menschen als psychische Herkulesaufgabe. Deshalb reagieren sie die unregulierte negative Emotion durch Wut und Drohungen ab. In Eltern-Kind-Beziehungen ist das häufig der Fall – gelingt es Eltern nicht, ihre negativen Emotionen zu regulieren, kommen dann doch häufig die Drohungen, wenig zielführend. Daher ist es notwendig, sich gezielt mit Emotionen auseinanderzusetzen und zu trainieren, diese in gestaltende und integrierende Lebenskräfte zu verwandeln.

Was bedeutet das konkret?

Kinder sind noch nicht in der Lage, unregulierte positive oder negative Emotionen in gestaltende, integrierende Lebenskräfte umzuwandeln, die mit einem Ziel verbunden sind. Sie lernen es im Laufe ihrer Kindheit dadurch, wie ihre „Führungskräfte“ – Eltern, Pädagogen und Spielgefährten – mit ihnen umgehen. Leider fällt eine zieldienliche Regulation von negativen Emotionen auch Erwachsenen schwer. Als gute Führungskraft ist dies jedoch, nach unserem Verständnis, unerlässlich.

Merke ich als Eltern, als Pädagoge, dass ich mich ohnmächtig im Umgang mit meinem Kind fühle, dann ist es hilfreich, dem Kind Autonomie einzuräumen. Wie kann das aussehen? Indem ich versuche zu verstehen, was das Kind mit seinem Verhalten gerade bezweckt. Je nach Alter muss und kann das unterschiedlich aussehen. Und es ist vollkommen normal, hier als Eltern und auch als Pädagoge an seine Grenzen zu kommen. Durch diese Grenzerfahrungen wachsen wir als Erwachsene in unserer Persönlichkeit und heilen unsere negativen Erfahrungen im Umgang mit Macht.

Als Erwachsener habe ich jedoch die Verantwortung, das vom Kind Gewünschte zu erfüllen oder auch nicht zu erfüllen und die jeweilige Entscheidung gut zu begründen. Das ist ein Diskurs in Gleichwürdigkeit, aber nicht in Gleichheit. Gebe ich als Erwachsener diese Verantwortung ab, so verliert das Kind seinen dringenden Halt, den es bis zu einem gewissen Alter unbedingt braucht.

Die Analogie zur Führungskraft können Sie sehr leicht selbst ziehen.

Warum und wozu die „Elternschule“ gut ist

Der Film stellt für uns einen wunderbaren Aufhänger dar, um über ein in der Pädagogik häufig verpöntes Thema zu sprechen: die Macht im Umgang mit Kindern. Wollen wir demokratisch mündige Bürger erziehen, so ist es von enormer Bedeutung, dass wir uns als Erwachsene mit dem Basis-Motiv Macht auskennen. Nur so können wir Machtmissbrauch verhindern.

Ob es in dem Film in der Tat zu einem Machtmissbrauch an Schutzbefohlenen kommt – diese Bewertung muss in einem fachlichen Diskurs zwischen Psychiatern und Pädagogen ausgetragen werden. Eine pauschale Verurteilung der Kinderpsychiatrie erscheint uns jedoch wenig hilfreich. Wenn Fachleute aus der Pädagogik der Meinung sind, dass hier Kindeswohlgefährdung im Raum steht, dann hoffen wir, dass es zu einer entsprechenden Anzeige der verantwortlichen Personen in der Klinik kommt und es nicht bei einer leer daher gesagten Plattitüde in Opferhaltung bleibt.

Wir denken: Ohne die gestaltende und integrierende Kraft der Macht funktioniert keine Beziehung. Negative Emotionen in Bezug auf Macht lassen sich jedoch nur transformieren, wenn die entsprechenden Glaubenssätze verändert werden. Aus „Macht ist böse, schäm dich“ wird „Macht ist wertvoll, du bist selbst für ihre gestaltende und integrierende Kraft verantwortlich“. Was heißt das nun für Personalentwicklung und Führung? Was kann Management von „Elternschule“ lernen? Vor allem eines: Führung ist nicht per se machtvoll – dies entscheidet sich allein daran, ob und wie gut es einer Führungskraft gelingt, zu gestalten und zu integrieren.

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