Innere Haltung und Haltungsqualität – das neue Management-Wundermittel?
Eine Haltung zu haben, gilt als positiv. Es ist jedoch wichtig, zwischen einer Haltung, die jeder Mensch jederzeit hat, und einer bestimmten Haltung, die Position zu festgelegten Zielen bezieht, zu unterscheiden.

Innere Haltung und Haltungsqualität – das neue Management-Wundermittel?

„90 Prozent der Arbeit zur Digitalisierung ist Arbeit an der inneren Haltung“, hörten wir letztlich einen CEO sagen. „Oha!“, dachten wir beide. Die Entwicklung von innerer Haltung im beruflichen Umfeld beschäftigt uns nun schon seit über 15 Jahren sowohl beraterisch als auch wissenschaftlich. Und sollten wir alle unsere Erkenntnisse diesbezüglich zusammenfassen, dann würden wir sagen: Ja, eine passende „innere Haltung“ von Menschen zum Ziel einer Organisation ist der Garant für Erfolg. Doch taugt deshalb die Haltung als Wundermittel für das Management?

Haltung ist nicht immer positiv

Im allgemeinen Sprachgebrauch schwingt bei dem Wort „Haltung“ fast immer eine positive Bedeutung mit. Es scheint besonders lobenswert zu sein, wenn eine Person eine Haltung hat. In Wirklichkeit ist diese Aussage jedoch eine Verkürzung. Wir haben immer eine Haltung, und zwar genau die, die unseren inneren Werten und Erwartungen entspricht. Diese sind uns häufig jedoch nicht bewusst.

Aus unserer Sicht ist die Unterscheidung zwischen einer Haltung, die jeder Mensch jederzeit hat, und einer bestimmten Haltung, die Position zu festgelegten Zielen bezieht, enorm wichtig. Es ist vor allem wichtig, das gedankliche Konzept loszulassen, Haltung sei immer etwas Positives. Hilfreicher ist, davon auszugehen, dass Haltung neutral ist. Erst wenn bestimmte Ziele vorgegeben sind, trennt sich die Spreu vom Weizen. Dann gibt es Haltungen, die diesen Zielen dienlich sind, und solche, die das nicht sind.

Haltung: ein wertneutrales Konzept

Lassen Sie uns den wertneutralen Charakter des Konzepts „Haltung“ an einem extremen Beispiel verdeutlichen: Den Diktatoren des 20. Jahrhunderts und ihren Gefolgsleuten mangelte es keineswegs an Haltung. Im Gegenteil, ihre Haltung war besonders stark ausgeprägt, ja ihre starke innere Haltung ermöglichte es ihnen sogar, ihre Ziele rücksichtslos zu verfolgen.

Als 1975 die Roten Khmer unter ihrem Revolutionsführer Pol Pot den Bürgerkrieg in Kambodscha für sich entschieden, wurde ihre Haltung deutlich sichtbar. Die Roten Khmer beabsichtigten eine „perfekte Revolution“, die den Kommunismus „sofort und total“ einführen sollte, also ohne den Umweg über eine sozialistische Gesellschaft. Nach Schätzungen von Zeithistorikern brachten die Roten Khmer in den folgenden drei Jahren jeden vierten Kambodschaner um. Tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner folterten sie systematisch, die meisten davon bis zum Tode. Wenn uns heute die Taten der Roten Khmer zutiefst erschüttern, dann nicht etwa, weil Pol Pot und seine Gefolgsleute statt einer Haltung ein Vakuum gehabt hätten. Sondern weil deren Haltung mit unserer Haltung – gemeint ist die Haltung der Mehrheit in den freiheitlich-demokratischen, die Menschenrechte achtenden Gesellschaften – absolut unvereinbar ist.

Haltung als eine Form der Personalentwicklung

Das ungute Empfinden, wenn uns etwas nicht passt, oder der innere Aufruhr, wenn wir etwas bedroht sehen, das uns wichtig ist und uns ausmacht – beides signalisiert, dass unsere innere Haltung nicht stimmt bzw. nicht zu dem passt, was außen vor sich geht oder von außen vorgegeben wird. Für alle veränderungsbegeisterten Führungskräfte in Organisationen haben wir deshalb erst einmal eine schlechte Nachricht: Change-Vorgaben und Change-Prozesse werden von Mitarbeitenden meist unbewusst als viel existenzbedrohender erlebt, als ihnen auf der bewussten Ebene selbst klar ist. Geschweige denn, dass sie diesen Zustand des inneren Aufruhrs ihren Vorgesetzten gegenüber ohne Weiteres artikulieren könnten.

Arbeit an der „inneren Haltung“ im Kontext von Unternehmen ist insofern kein Wundermittel, sondern eine Form der Personalentwicklung, die tiefgreifend die Persönlichkeit der MitarbeiterInnen und Führungskräfte in den Fokus nimmt.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen